Franz Liszt

1811-1886

„Genie verpflichtet!” („Génie oblige!”) - das war der Leitsatz des einzigen auch weltweit zu den größten gezählten ungarischen Musikers, Franz Liszts. Im Sinne dieses Mottos hat er seine eigenen besonderen Fähigkeiten als einer hervorragendsten Klavierkünstler mit überwältigender Wirkung, mutig inventiver Komponist, Dirigent, Pädagoge und Musikschriftsteller mit großem Anzugskreis seiner Zeit ausgelotet. Als treuer Geborener Ungarns hat er mit unvergleicher Offenheit die Werte in sich aufgesogen, denen er im Laufe seines bewegten Lebens in den verschiedenen Ländern Europas begegnet ist, zugleich hat er selbstlos und wirkungsvoll zur Entwicklung der musikalischen Kultur beigetragen.

Das kleine burgenländische Dorf in dem er vor 200 Jahrenals Kind deutschsprachiger Eltern zur Welt gekommen ist jetzt ein Teil des österreichischen Burgenlandes. Adam Liszt, der musikalische Vater, der Viehdirektor des Eszterhazy-Grundstücks hat alles unternommen, damit sich dem bereits mit neun Jahren in Ödenburg und Pressburg konzertierende Wunderkind der Weg zu der musikalischen Laufbahn öffnet, welcher seinem Talent würdig ist. Selbst die völlige finanzielle Unsicherheit in Kauf nehmend hat er sein Kind nach Paris gebracht, das zuvor beinahe anderthalb Jahre in Wien bei dem ehemaligen Beethove-Schüler Carl Czerny und bei Mozarts Rivalen, Antonio Salieri studiert, dann sich mit im Mai 1823 in Pest gegebenen Konzerten für lange Zeit von seinen Landsleuten verabschiedet hat. Die pariser Jahre waren von beliebender Wirkung auf den vom konzertierenden, komponierenden Wunderkind über den seelischen Krisen der Pubertätszeit zum Mann reifenden Liszt, der sich danach am liebsten auf Französisch ausdrückte. Mit ungeheuer vile Übung und Lesen, harter Arbeit hat er sich zum ausgereiften Künstler geformt. Seine Beziehungen zu den geistigen Bewegungen seiner Zeit (mit der utopistischen Gesellschaftsphilosophie, dem liberalen Katholizismus von Lammenais), literarischen und künstlerischen Prominenz (Hugo, Lamartine, Dumas, Sand, Balzac, Heine, Delacroix) haben sein generelles Blickfeld bereichert. Zur Vervollkommnung seiner Klaviertechnik hat ihn das Beispiel Paganinis Geigenspiels angespornt, während die Fantastische Symphonie von Berlioz seine Bestrebungen in der Programmusik gestärkt haben. Auch seine Freundschaft mit Chopin hateine große Wirkung auf ihn gehabt, dessen Klaviermusik er zusammen mit dem des später kennengelernten Schumanns auf das höchste gewertet hat.

Der in den aristokratischen Salons und Konzertsälen gleichermaßen beliebt gewordene Liszt hat im Jahre 1833 die Gräfin Marie d'Agoult (1805-1876, geborene Flavigny), seine große Liebe und erste Lebensgefährtin kennengelernt. Zwischen 1835 und 1839 lebten sie mit kurzen Unterbrechungen in der Schweiz und Italien, was zur weiteren Erweiterung des geistigen Horizontes Liszts beigetragen hat. Unter ihren Wanderjahren sind ihre Kinder geboren: Blandine (1835-1862) in Genf, Cosima (1837-1930) in Como und Daniel (1839-1859) in Rom. In der pariser Presse veröffentlichte, literarisch anspruchsvolle „Reisebriefe” und Ideen und erste Beschreibungen zu zahlreichen großen Kompositionen können mit dieser Periode in Verbindung gesetzt werden. Die große Flut in Pest hat in Liszt das bereits beinahe vergessene Gefühl der Zugehörigkeit zur ungarischen Nation wieder geweckt. Mit der in Wien mit riesigem Erfolg gegebenen Konzertreihe zugunsten der Flutopfer hat die beinahe zehnjährige Periode begonnen, während der er mit seinen Konzerten fast sämtliche Länder Europas erobert hat. Er war auch unter sämtlichen Klaviervirtuosen der Zeit herausragend, da sich seine aussergewöhnliche Technik, seine großartige Improvisationsfähigkeit mit fesselnder Persönlichkeit gepaart hat. Sein Spiel hat in den Kreisen seiner Bewunderer eine wahrhaftige „Lisztomanie” hervorgerufen. Mit eigenen, virtuosen Fantasien basierend auf Teilen aus beliebten Opern, Bearbeitungen nationaler Melodien, Liedbearbeitungen, wirkungsvollen Stücken hat er den Bedürfnissen des Publikums gezollt, hat aber auch das eine oder andere Stücke der von ihm gegenseitig hoch geschätzten Vorfahren (Beethoven, Schubert, C. M. von Weber) und Zeitgenossen ins Programm genommen. Alstelle der zuvor gewöhnlichen, gemischten Programmen hat er das erste mal im Jahre 1839 ein komplettes Konzert nur mit dem Klavier gegeben („Das Konzert – bin Ich”), und er konnte in seinen Klavierauszügen aus den Symphonien von Beethoven und Berlioz auf seinem Instrument selbst den Klang eines ganzen Orchesters authentisch nachempfinden.

Als Liszt als anerkannter Künstler zur Jahreswende von 1839 zu 1840 zum ersten mal nach Ungarn zurückgekehrt ist, hat er sich in Pest und in Pressburg (in seinem Leben zum ersten mal) als Dirigent vorgestellt. Mit den Einnahmen seiner äußerst erfolgreichen Konzerte hat er auch die Angelegenheiten des Nationaltheaters und des in Pest zu eröffnenden Konservatoriums unterstützt. Er wurde als Vertreter des bestrebten ungarischen Nation empfangen, was die Ode von Vörösmarty „An Franz Liszt” am schönsten ausdrückt: „geselle dich zu uns und sagen wir: Gott sei Dank! Die Nation von Árpád hat noch Seele!”, und das hat auch er gespürt: „Woanders habe ich immer mit Publikum zu tun, aber in Ungarn spreche ich zur Nation!” Sein längerer Besuch in 1846, in dessen Zuge er zahlreiche Städte des Landes und auch bis zu Transsilvanien gekommen ist, haben sein Gefühl der Landeszugehörigkeit gestärkt. Die beiden Besuche in Ungarn haben zahlreiche Freundesbeziehungen fürs Leben ergeben und die Möglichkeit gegeben hauptsächlich im Vortrag von Zigeunern zu hörende „Verbunkos”- und „Csárdás”-Musik, ungarische, volkstümliche Kunstlieder, seltener Volkslieder kennenzulernen. Liszt hat in den 1840-er Jahren europaweit seine auf ungarische Melodien basierende Bearbeitungen gespielt, welche die Vorreiter zu den späteren ungarischen Rapsodien gebildet haben.

Marie d'Agoult hat im Jahre 1844 die Beziehung mit Liszt beendet, der die Erziehung ihrer Kinder seiner Mutter, beziehungsweise Erziehern überlassen hat, während er selbst seine die Familie auch langfristig ernährende Konzertreise fortgesetzt hat, im Laufe dessen er im Februar 1847 in Kijew die Fürstin Carolyne von Sayn-Wittgenstein (geborene Iwanowska) kennengelernt hat (1819-1887). Liszt hat sich in dieser Zeit bereits mehr Ruhe und Beständigkeit gewünscht um der Verwirklichung seiner kompositorischen Pläne leben zu können. Daraufhin hat nun endlich die Landeshauptstadt eines Großherzogtums in Deutschland, das über einer großen kulturell-künstlerischen Tradition verfügende Weimar hierzu Möglichkeit geboten, wo Liszt bereits 1842 der Titel des „Dirigent im ausserordentlichen Dienste” bekommen hat, hat sich aber nur Anfang 1848, seine Virtuosenlaufbahn beendend niedergelassen. Die im Alter von siebzehn Jahren ungewollt in eine Ehe gezwungenem von ihrem Mann getrennt lebende, steinreiche, gebildete und unabhängige Carolyne glaubte ehrlich an das kompositorische Talent Liszts und hat alles unternommen, um die Entfaltung dessen zu fördern. Mit ihrer zehnjährigen Tochter zusammen folgte sie im Jahre 1848 Liszt nach Weimar und wurde seine zweite Lebensgefährtin. Da sie tief religiös war, führte sie einen langen, erbitterten Kampf um die rlöschung ihrer frühen Ehe, damit sie Liszt heiraten kann. Auch bis dahin hat sie ihm ein Zuhause bereitet, welches - entgegen dessen Namen „Altenburg” - bald eine neue Richtung eröffnete, Treffpunkt der gegen den spießbürgerlichen Geist rebellierenden Künstler, die Hochburg des neuen Weimars wurde. Talentierte Studenten: Hans von Bülow (Liszts späterer Schwiegersohn), Hans von Bronsart, William Mason, Alexander Winterberger, Carl Klindworth, Carl Tausig, Antal Siposs und viele andere haben hier selbstlose Hilfe zum Beginn ihrer Laufbahn bekommen.

Der Sinn Liszts weimarer Tätigkeit war es die Stadt von Goethe und Schiller nach den Jahrzehnten des Niedergangs wieder zum Mittelpunkt hochrangiger Kunst, vor allem der Musik zu machen. Als Dirigent des Hoforchesters öffnete er neben der Pflege des klassischen Erbes, hauptsächlich der Kunst Beethovens, auf der Musikbühne wie auf den Programmen der Konzerte großen Raum für wertvolle zeitgenössische Werke. Der Reihe nach stellte er die Opern und Symphonischen Werke von Schumann, Berlioz, Wagner, Meyerbeer, Verdi, Flotow, Raff, Rubinstein, Cornelius vor. Besonders wichtig war die moralische und finanzielle Förderung des wegen revolutionärer Tätigkeiten aus Deutschland verbannten Richard Wagners, dessen epochenmachendes Genie er erkannt hat: nach der derfolgreichen Aufführung des Tannhäusers (1849) verwirklichte er die Uraufführung des Lohengrin, hat den Fliegenden Holländer und Rienzi ins Programm genommen und auch mit der Veröffentlichung von Studien das Terrain geebnet, damit Wagner dann in Weimar seinen grandiosen Plan vom Ring des Nibelungen verwiklichen kann.

Auch bezüglich seines kompositorischen Werkes hat Weimar einen großen Fortschritt bedeutet. Zu dieser Zeit hat er mehrere früher begonnene und in frühen Fassungen teilweise bereits verlegten Klavierzyklus, beziehungsweise Reihe (Transzendentale Etüden, Paganini-Etüden, Dichterische und religiöse Harmonien, Consolations, 15 ungarische Rapsodien, die das erste, schweizer Band und das zweite, italienische Band der Pilgerjahre mit der grandiosen Dante-Sonate im letzteren). Neben mehreren bedeutenden neuen Klavier- und Orgelwerken (unter ihnen das Scherzo und Marsch, die Ad nos-Fantasie und Fuge) entstand zu dieser Zeit die inhaltlich und formtechnisch neuartige H-moll Sonate, das herausragende Klavierwerk des 19. Jahrhunderts.

Liszt hat bereits zuvor erfoglreiche Versuche mit Orchesterstücken unternommen (zum Beispiel mit der zur Einweihung des bonner Beethoven-Denkmals geschriebenen Kantate im 1845), und es ist lediglich eine Legende, dass er am Anfang der weimarer Zeit von seinen Mitarbeitern, August Conrad und Joachim Raff zu instrumentieren gelernt hätte. Dennoch ist es zweifelsfrei, dass die symphonische Musik zu dieser Zeit in den Vordergrund seiner Aufmerksamkeit gekommen ist. Seine Instrumentierung ist duch seine regelmäßige Arbeit mit dem Orchester feiner geworden, aber was noch wichtiger ist: jetzt ist es ihm gelungen die Aufgabe zu bewältigen, wie man nach Beethoven in der symphonischen Musik weitergehen kann. Mit den in der weimarer Periode geschriebenen einsätzigen Programmkomposizionen für Orchester, den zwölf symphonischen Dichtungen (unter ihnen Tasso, Mazeppa, Les Préludes, Orpheus, Prometheus) hat er eine neue Gattung erschaffen. Auf das den geistigen Hintergrund beleuchtenden literarischen, künstlerischen „Programm” deuten ausser den Titeln auch oft die Vorwörter in den Partituren hin. Liszt hat auch die Gattung der von Berlioz iniziierten, mehrsätzigen Programmsymphonie mit zwei imposanten Werken bereichert (Faust und Dante-Symphonie), beide enthalten auch einen Schlusschor. Ebenfalls in der weimarer Periode haben Liszts zwei bekanntesten Klavierkonzerte, das 1. (Es-dur) und das 2. (A-dur) ihre endgültige Gestalt angenommen und wurden aufgeführt.

Auch in der Kirchenmusik entstand ein herausragendes seiner Meisterwerke, eine feierliche Messe mit Orchesterbegleitung (Missa Solemnis), welche er zur Einweihung der Basilika in Gran (31. August, 1856) komponierte. Im Zusammenhang mit der Einübung und mehrmaligen Aufführung der Graner Messe hat Liszt fünf Wochen in Ungarn verbracht, im Zuge dessen die pester Hermina-Kapelle mit seiner Messe für Männerchor mit Orgelbegleitung eingeweiht wurde und bei einem Orchesterkonzert hat er seine symphonischen Dichtungen Hungaria und Les Préludes dirigiert, welche vom Publikum mit großer Begeisterung empfangen wurde. Während dieses Aufenthaltes bat er um die Aufnahme in den weltlichen Orden der Franziskaner bei den pester Franziskanern, mit denen er seit seiner Kindheit eine gute Beziehung gepflegt hat. Seine „Confrater”-Urkunde durfte er zwei Jahre später bei einer erneuten Heimreise (nach erneuten Aufführungen der Graner Messe) entgegennehmen.

Als Gastdirigent tritt Liszt nicht nur in Ungarn auf: Er wurde über die Konzerte mit seinen Werken in verschiedenen Städten hinaus mehrmals auch zur Leitung von Festkonzerten eingeladen (Ballenstedt, Karlsruhe, Aachen), und in seinem Programm hat er neben den selten gespielten Werken der Klassiker der wertvollen zeitgenössischen Musik immer einen prominenten Platz gegeben. Wegen seiner auf das Wesentliche fokusierenden Dirigiertechnik („Wir sind Steuermänner, keine Ruderknechte!”), seinem vom Üblichen abweichenden Programm und der wegen seiner neuartigen Werke sich um ihn scharenden jungen Musikern wurde ihm von den Anhängern konservativerer musikalischer Richtungen viel Unverständnis und Angriff zu Teil. Brahms, Joachim und einige weitere namhafte Musiker nannte die Musik Liszt und seiner Kreise in einer im Jahre 1860 erschienen Presseerklärung spöttisch „Zukunftsmusik” und hat sich davon distanziert.

 

Liszt hat zum Ende der 1850-er Jahre eingesehen, dass seine großzügigen Pläne über die neue, große Epoche Weimars, dessen geistlichen Führer Wagner und er hätten sein können, „von der Kleinlichkeit bestimmter lokaler Verhältnisse und allerelei äusserer und hiesiger Eifersucht verhindert” wurde. Er kündigte seine Arbeit als Operndirigent, zog sich von der musikalischen Öffentlichkeit Weimars stufenweise zurück. Sein Interesse wandte sich immer mehr der religiösen Musik zu, begann die Komposition seines Oratoriums der Heiligen Elisabeth. Mit seinem bisherigen Werk abrechnend gliederte er zahlreiche seiner früher geschriebenen Lieder und Stücke für Männerchor in Reihen und bereitete sie diese überarbeitend zum Verlag vor. Im August 1861 hat er noch an dem weimarer Musikfest teilgenommen, an der die Allgemeine Deutsche Musikgesellschaft gegründet wurde, welche seine Gesinnung vertritt (die Arbeit dessen hat er bis an sein Lebensende aufmerksam verfolgt und wohnte des öfteren auch den jährlich in verschiedenen Städten veranstalteten Festen bei), folgte dann der bereits zuvor sich nach Rom begebenen Fürstin Carolyne von Sayn-Wittgenstein. Ihre geplante Heirat wurde im letzten Moment von einer niederträchtigen Intrige vereitelt; ihre Gedanken an die Ehe und an das Zusammenleben endgültig verwerfend blieben sie beide in Rom.

In dieser neuen, ruhigeren Phase seines Lebens, in welcher er des öfteren in einfachen Klosterherbergen wohnte konnte Liszt sein Elisabeth-Oratorium und seine beiden Franc-Legenden beenden und hat die Komposition der Sonnenhyme des St. Franziskus, sowie des Christus-Oratoriums begonnen; zugleich entstanden aber auch zahlreiche solche instrumentale Stücke, wie zwei Konzertetüden (Waldesrauschen, Gnomenreigen), oder der 1. Mephisto-Walzer (welcher in Wirklichkeit die Klavierversion der zweiten Episode der für Orchester geschriebenen Zwei Episoden anhand Lenaus Faust). Das für Klavier und Orchester komponierte, ursprünglich wesentlich frühere Totentanz, auch die Paraphrase des gregorianischen „Dies irae” wurde erst jetzt aufgeführt und herausgegeben. Liszt hat es schon immer interessiert, aber in seiner Zeit in Rom hat es ihn die Frage der Reformierung der katholischen Kirchenmusik besonders beschäftigt, in der er gern eine bedeutende Rolle angenommen hätte. Hierzu bekam er von Pabst IX. Pius auch Ermunterung, der ihn in seiner Klosterherberge besucht, sein Klavierspiel angehört und ihn „Mein lieber Palestrina” genannt hat. Liszt hat die gregorianische Musik und den kirchenmusikalischen Stil des 16. Jahrhunderts eingehend studiert, zu der die Reform zurückgreifen wollte. Er hat sich immer darum bemüht sich in seinen religiösen Kenntnissen zu vertiefen, dann in 1865, nach ernsthaften Vorbereitungen hat er die vier niederen kirchlichen Orden angenommen, welche ihn neben bestimmten religiösen Lebenshandlungen, zu kleineren liturgischen Diensten berechtigte. Er wäre gern Dirigent im Vatikan geworden, aber zum Priester wollte er nicht weiterschreiten, obwohl er von da an immer ein Priestergewand trug und „Liszt Abbé” genannt wurde.

 

„Liszt Abbé” trat zuerst in Ungarn im Jahre 1865 im August, bei den Feierlichkeiten zum vierteljahrundertsten Jubileum der Nationalen Musikschule (Konservatorium) vor die Öffentlichkeit. An der Entstehung des Instituts hat auch er 1840 und 1846 selbst mit bedeutenden Geldspenden helfend teilgenommen und nun brachte er sein neues Oratorium, die Legende der Heiligen Elisabeth als Geschenk. Das auf einen deutschen Text komponierte Werk wollte er ursprünglich in der zum weimarer Herzogtum gehörenden Wartburg (am einstigen Ort seiner heiligen Zeit) aufführen, jedoch fand die Urafführung im „Pesti Vigadó” in ungarischer Sprache in Kornél Ábrányis Übersetzung am 15. August des Jahres 1865 statt.

Wegen des rieseigen Erfolges hat Liszt auch eine zweite Vorstellung dirigiert und seine Landsleute auch an einem Wohltätigkeitskonzert mit seinem Klavierspiel in Gesellschaft von Bülow und Ede Reményi erfreut. (Nach dem Abschluss seiner Virtuosenlaufbahn hat er an öffentlichen Konzerten ausschließlich zu Wohltätigkeitszwecken Klavier gespielt, aber es war allseits bekannt, dass er stets gewillt ist die Notleidenden, Entbehrenden und wichtige künstlerische Ziele zu unterstützen.)

Zur dem Österreich-Ungarischen Ausgleich im Jahre 1867 folgenden Krönung hat Liszt eine Festmesse komponiert, aber nur mit Hilfe des Zusammenhaltes von heimischen Musikern und öffentlichen Persönlichkeiten und Kaiserin Elisabeth war es möglich zu erreichen, dass nicht das Werk des wiener Hofdirigenten, sondern am 8. Juni 1867 in der Nagyboldogasszony (Matthiaskirche) in der Burg zu Buda zur Krönung von Franz Josef zum Kaiser und Elisabeth zur Kaiserin seine Ungarische Krönungsmesse aufzuführen. Die Messe wurde von wiener Musikern aufgeführt und Liszt war lediglich als bescheidener Zuhörer an der Galerie anwesend. Mit ungarischen Musikern und Liszts Dirigat konnte die Messe erst nach zwei Jahren in Pest erklingen und auch Ede Reményi konnte erst jetzt das für ihn geschriebene Geigensoli zum ersten mal spielen.

Liszt, der zwischenzeitlich zahlreiche Schicksalsschläge erleiden musste (seinen Sohn Daniel hat er im Jahre 1859, seine Tochter Blandine im Jahre 1862, seine Mutter im Jahre 1866 verloren, während 1868 seine Tochte Cosima Bülow endgültig verlassen hat um ihr Leben mit Wagner zu verbinden), hat schließlich auch die gehoffte kirchenmusikalische Position in Rom nicht bekommen und auf Ermutigung des Großherzogs von Weimar, Carl Alexander sich bereit erklärt ohne jegliche Verbindlichkeit jährlich einige Monate wieder in Weimar zu verbringen. In seiner ihm zur Verfügung gestellten Wohnung in der Höfgärtnerei umgab ihn bald wieder ein prickelndes Musikleben und ein Heer an Studenten. Ab diesem Jahr begann sein „dreigeteiltes Leben”, dessen regelmäßige Orte Weimar, Rom und Pest (ab 1873 Budapest) waren. Während seiner Aufenthalte in Rom war er oft Gast bei Kardinal Gustav Hohenlohe in Tivoli, nahe zu Rom in seinem Villa d'Este. Drüber hinaus unternahm er auch wieder zahlreiche kleinere Reisen um an wichtigeren musikalischen Ereignissen teil zu nehmen und er folgte auch manchmal persönlichen Einladungen. In seinen Wanderjahren ist allerdings sein Heimatland zu einem immer wichtigeren Eckpfeiler geworden. Im Jahre 1870 hat er in zwei Gelegenheiten insgesamt neun Monate in Ungarn verbracht (einen Teil hiervon bei seinem liebsten ungarischen Freund, Baron Antal Augusz in dessen Kurie in Szekszárd, wo er bereits zuvor des öfteren zu Gast war). Er hat auf dem budapester Festkonzert zum Beethoven-Zentenarium dirigiert, hat Matineekonzerte an der Pest-Innenstädtischen Pfarrei organisiert, wo er als Gast regelmäßig eine Unterkunft hatte, bis er sich im November 1871 eine Wohnung in der Nádorstraße gemietet hat. Die ungarische Presse hat über seine Niederlassung in Ungarn Artilkel veröffentlicht, seinene Namen hat man mit der Gründung der Musikakademie verbunden, welche mit seiner geistigen Leitung die höchste musikalische Ausbildung in Ungarn ermöglichen würde.

 

Im Jahre 1871 wurde er zum königlichen Hofrat ernannt und ihm ein jährliches Honorar von 4000 Forint zugeteilt. Und zwar hat ihn dies offiziell zu nichts verpflichtet, hat er sich mit noch größerer Begeisterung für die Angelegenheit der Musikakademie eingesetzt. „Man darf mir wohl gestatten, dass ungeachtet meiner beklagenswerten Unkenntnis der ungarischen Sprache ich von Geburt bis zum Grabe im Herzen und Sinne, Magyar verbleibe, und demnach die Cultur der ungarischen Musik ernstlich zu fördern wünsche.” - schrieb er an Augusz am 7. Mai 1873. Seine Bindung zu seiner Heimat hat die unvergleichliche Liebe gestärkt, mit welcher sein fünfzigjähriges Jubileum als Künstler im November in Budapest gefeiert wurde. Sein kirchenmusikalisches Hauptwerk, das grandiose Christus-Oratorium wurde erstmals ohne Kürzungen unter dem Dirigat von János Richter (der später unter dem Namen Hans Richter weltweit bekannt gewordene Dirigent) aufgeführt; Henrik Gobbi komponierte eine Kantate, die Hauptstadt Budapest hat zu seinen Ehren das Liszt-Stipendium gegründet. Liszt hat als Dank die schönsten Gedenkgegenstände seiner Laufbahn dem Nationalmuseum geschenkt.

Die Ungarische Königliche Musikakademie wurde nach langem Hin und Her, bar finanzieller Mittel in im Vergleich zu den ürsprünglichen Vorstellungen wesentlich bescheidenerem Rahmen am 14. November des Jahres 1875 mit Franz Liszt als President, Ferenc Erkel als Direktor, Kornél Ábrányi als Hauptsekretär und den weiteren Lehrern Robert Volkmann und Sándor Nikolits eröffnet. Erkels seblstlose und ausdauernde Arbeit und Liszts internationalem Ansehen gepaart hat die Institution über die anfänglichen Schwierigkeiten geholfen und die Zahl der Studenten und der Lehrgänge begann stufenweise zu wachsen. Im Jahre 1879 zogen sie aus dem ersten, bescheidenen Mietobjekt am Fischplatz in das wesentlich größere Gebäude an der Radialstraße um (dies ist die heutige Alte Musikakademie an der Ecke Andrássy út und Vörösmarty utca). Liszt hat seine in- und ausländischen Studenten auch hier ohne Honorar in seiner kostenlosen Dienstwohnung, im den heutigen Meisterkursen ähnlichen System im gruppenweise unterrichtet. Seine letzte budapester Wohnung ist das heutige Franz Liszt Gedenkmuseum, in dem seine der Musikakademie vermachten Instrumente, Bücher- und Notensammlung zu finden sind.

In der Periode seines „dreigeteilten Lebens” hat sich der Stil des komponierenden Liszt bedeutend vereinfacht, die zukunftsweisenden Elemente gelangten immer stärker zur Geltung. Das untertitellose Band Pilgerjahre III deutet auf eine seelische Reise hin. Der im Jahre 1883 herausgegebene, zwar größtenteils eher in den 1870-er Jahren entstandene Zyklus hat ebenso klageliedartige Sätze (Die Zypressen der Villa d'Este I-II, Trauermarsch, Sunt lacrymae rerum - letzteres in „ungarischer Tonfolge”), wie seine den musikalischen Imressionismus andeutenden Wassermusik (Die Wasserspiele der Villa d'Este), von welchen letzteres ein mit einem Zitat aus dem Evangelium gleichzeitig zu den die Serie öffnenden und schließenden, religiösen Stücke anschließt. Die Entwicklung seiner Kirchenmusik, welche einerseits ungewöhnlich moderne Klänge, andererseits die vollkommene, manchmal sogar bis in den Minimalismus vorasweisenden Mittellosigkeit charakterisiert, konnten bereits die Anhänger der zeitgenössischen kirchenmusikalischen Reformbewegung, des Cecilianismus nicht folgen. So blieben mehrere seiner kirchenmusikalischen Werke, unter ihnen auch seine meditative Passionsmusik, die Via Crucis zu seinen Lebzeiten ohne Herausgabe und Aufführung.

In seiner Klavier- und Kammermusik sind neben trübseligen, trauernden, oft gewollt bruchstückhaften, unvollendet wirkenden Stücken (Graue Wolken, Unstern, 1-2. Trauergondel, R. W. - Venezia, Am Grabe Richard Wagners) und desillusionierten, geistreich ironischen Werke (Mephisto-Polka, 2-4. Mephisto-Walzer) oftmals nostalgische Rückblicke (1. und 2. Elegie, Vergessene Romanze, Vier Vergessene Walzer, Weihnachtsbaum Klavierzyklus) zu finden. In seinen Werken seines höheren Alters mit ungarischem Bezug erscheinen die in den heißblütigen, wirkungsvollen Stücken verwendeten ungarischen Elemente stilisiert, entblöst in neuartiger tonartlich-harmonischer Struktur. „Darf man solch ein Ding schreiben oder anhören?” - schrieb er selbst auf sein Autograph zu Csárdás macabre, welcher ganz bis 1951 unverlegt blieb. Die letzte symphonische Dichtung, das von der Zeichnung Von der Wiege bis zum Grabe des Mihály Zichy verewigt ebenfalls im Hegel'schen Sinne das Erbe der großen symphonischen Dichtungen und Programmsymphonien der weimarer Zeit durch dessen Abschluss. Das im Laufe des längeren Entstehungsprozesses von einsätzigen, zum dreisätzigen gewachsene, ungewöhnlich sparsam instrumentierte Werk demonstriert durch die thematisch-motivischen Zusammenhänge, dass das Grab in Wirklichkeit die Wiege des ewigen Lebens ist.

Liszt wurden in seinen letzten Jahren neben den Anerkennungen, Feierlichkeiten viele unwürdige Angriffe, Entbehrugen, Unannehmlichkeiten in seinem Privatleben zu Teil. Die Entwicklung seiner Musik wurde von vielen als der Untergang seiner Schaffenskraft betrachtet (wir wissen aus Cosimas Tagebuch, dass selbst Wagner - den Liszt bei der Verwirklichung von Bayreuth mit seiner ganzen Kraft geholfen hat - schon dem Christus-Oratorium gegenüber verständnislos stand). Auch sein wohlwollendes, dichterisches, aber wissenschaftlich unbegründetes Buch mit dem Titel Über die Zigeuner und ihre Musik in Ungarn fand bereits bei seiner Ersterscheinung (auf Französich: 1859, auf Ungarisch: 1861) regen Widerstand, aber die 1881-er zweite, von der Fürstin Carolyn Sayn-Wittgenstein (gänzlich entegen Liszts Gesinnung) mit antisemitischen Details ergänzte Ausgabe hat den bedeutenden Teil der ungarischen Presse besonders gegen den Komponisten gestimmt. Das für die Eröffnung des Opernhauses komponierte Ungarische Königslied wurde an der 1884-er Eröffnung nicht aufgeführt, weil die Intendatur befürchtete, dass die Melodie des darin verwendeten Rákóczi-Liedes trotz des loyalen Textes das Herrespaar verletzen würde. Es ist typisch, dass Liszt letztens eben diese Melodie gewählt hat, als ihn sein Freund und Lehrerkollege an der Musikakademie, Kornél Abrányi für ein Artikel um eine eigene handschriftliche Illustration hierzu gebeten hat. „Als treuer Sohn meiner Heimat - Franz Liszt”- schrieb er in ungarischer Sprache unter das Gedenkblatt mit Noten.

Der kränkliche Liszt mit verschlechtertem Sehvermögen ist im Jahre 1886 noch eiligen Einladungen nachgegangen und hat eine große Rundreise in West-Europa gemacht, wo seine Werke, unter anderem die Legende der Heiligen Elisabeth und die Graner Messe in Paris und London mit riesigem Erfolg aufgeführt wurden. Mihály Munkácsy hat sein berühmtes Portrait gemalt und ihn nach den großen Reisen zum Ausruhen nach Colpach in sein luxemburger Schloss eingeladen. Lisz ist von hier am 21. Juli 1886 stark erkältet in Bayreuth angekommen, wo die im Jahre 1883 verwitwete Cosima Wagner zum ersten mal selbstständig die Festspiele geleitet hat. Nach kurzen, aber schweren Leiden hat am 31. Juli 1886 eine Lungenentzündung Liszts Leben ein Ende gesetzt. Da von seiner endgültigen Ruhestädte vielerlei, einander widersprechende Aussagen von ihm verblieben sind, hat ihn seine Tochter endlich in Bayreuth zur ewigen Ruhe gesetzt.

 

In seinen letzten, Schweren Jahren bot die Liebe der aus sämtlichen Teilen Europas stammenden, ja sogar aus Amerika kommenden Studenten Liszt Entschädigung. Enige der Nachwüchse und ihn ehrende Freunde haben uns von den Unterrichtstunden, Liszts Lehren, seinen Ansichten des Vortrages einiger Werke wertvolle Aufzeichnungen hinterlassen. Nicht nur die große weimarer Periode, sondern auch die Liszt-Schüler späterer Zeiten (unter Ihnen Sophie Menter, Eugen d'Albert, Emil Sauer, Alexander Siloti, Arthur Friedheim, Moritz Rosenthal, Fredrick Lamond) haben eine hervorragende Laufbahn bestritten und von mehreren von ihnen - im Gegensatz zu Liszt - sind uns Tonaufnahmen zurückgeblieben. Viele von ihnen haben die Liszt-Tradition als Lehrer weitergetragen, welche womöglich am allerkontinuierlichsten an der budapester Musikakademie (an der heutigen Franz Liszt Universität für Musik) lebt, wo Liszt von der Gründung an bis zu seinem Lebensende unterrichtet hat. Zwei seiner hervorragenden ungarischen Studenten, István Thomán und Árpád Szendy sind kurz nach Liszt Tode die Kalvierlehrer des Instituts geworden. Ernő Dohnányi und auch Béla Bartók waren Studenten von Thomán an der Musikakademie, dann Lehrer ebenda, und haben später (zusammen mit anderen Thomán- und Szendy-Studenten) selbst das Liszt-Erbe weitergegeben, dessen Weiterleben bis heute nachzuweisen ist. Liszts Wirkung war auch auf die zeitgenössischen Komponisten und Nachfahren uneinschätzbar. Seine Ermutigung, praktische Unterstützung hat über die der bereits erwähnten hinaus auch solchen bedeutenden Künstlern beim Beginn ihrer Laufbahn geholfen, wie Smetana, Saint-Saëns, Grieg oder die russischen Fünf, und laut Bartók „haben seine Werke auch auf die nach ihm kommende Generation fruchtbarer gewirkt, wie dass Wagner in seinen Werken so viele neuartige Möglichkeiten angespielt hat ohne diese selbst bis zum äußersten auszuloten, damit wir unvergleichlich mehr Motivation von ihm bekommen, als von Wagner.” Die Presentation seines kompositorischen Wesens zu einem bisher vielseitigerem Maße, die Auslotung seines reichen Lebenswerkes ist das Hauptanliegen des bizentenarischen Gedenkjahres.

Mária Eckhardt

Liszt Ferenc Gedenkmuseum und Forschungszentrum