Ave Maria: vorher unbekanntes Albumblatt mit Liszt Unterschrift für die Stiftung Liszt Museum
2019.08.27

Am Anfang November 1843 machte sich Liszt auf den Weg nach Stuttgart. Neben seinen privaten Konzerten hat er fünfmal vor dem Publikum der Stadt gespielt während seiner mittel- und süddeutschen Virtuosentournée. Das erste offene Konzert hat er am 5. November gegeben, sein Abschiedskonzert, das auch ein Wohltätigkeitsabend war, fand am 21. November auf der Bühne des Hoftheaters statt. Dem Konzert folgte ein Bankett im Hotel Marquardt, wo sich Liszt aufenthielt. Dem Star- und Ehrengast des Abends wurde auch die Auszeichnung des württembergischen Königs verliehen.

Viele von Liszts Konzertprogramme sind nicht rekonstruierbar. Nach den übergebliebenen Programmbeschreibungen hatte der Künstler Erfolgsstücke, die er fast jedes Mal eingesetzt hat, um das Publikum für sich zu gewinnen. Das waren zum Beispiel Grand galop chromatique, zwei Operparaphrasen (Donizettis Lucia di Lammermoor und Mozarts Don Giovanni), und die Transkription für Klavier der Ouvertüre des Guillaume Tell von Rossini. Unter den oft vorgetragenen Erfolgsstücken sind auch drei Schubert-Lieder. (Leider kann es nicht immer etabliert werden, ob er einen Solosänger begleitet hat oder er seine eigene, aus 1837-1838 stammende Transkriptionen ertönt hat.) Unter den Lieder Erlkönig, Ständchen und Ave Maria hatte das letzte eine besondere emotionale Bedeutung für ihn wegen seiner Beziehung zu Marie Gräfin d’Agoult.

Gerade der harmonische Auszug der ersten Takte der Ave Maria-Transkription sind auf dem handschriftlichen Albenblatt aufbewahrt, der vor kurzem in den Besitz der Stiftung Liszt Museum geraten ist. Darauf ist keine Widmung zu lesen, deshalb kann es nicht mit einer konkreten Person in Zusammenhang gesetzt werden; die Datierung aber lasst es zu Liszts Stuttgarter Abschiedskonzert verknüpfen. Unter dem Datum (21. November 1843) hat Liszt den Namen der Stadt mit seiner besonderen Handschrift als „Stuttgard” notiert. Im fünftaktigen, für 4-5 Stimmen bearbeiteten Auszug hat der Komponist die originale Tonalität behalten (B-Dur); das originale Vorspiel hat er durch eine eintaktige Akkordreihe mit verschiedenem harmonischem Inhalt ersetzt.

Das Albumblatt kommt aus dem Erbe von Ágnes Radó – in den USA als Ági Radó bekannt –, gestorben am 22. Februar. Die Pianistin ist 1928 in Budapest geboren. Die erste Musiklehrerin war ihre Mutter, das erste Konzert hat sie mit 11 Jahren gegeben. Ab 1945 war sie Studentin von Ernő Szegedi und István Antal, aber sie hat auch Privatstunden von Leo Weiner und György Ferenczy genommen. Sie hat großes Gewicht auf die Verbreitung der Werke von Zoltán Kodály, Béla Bartók und Franz Liszt gelegt. Sie war in drei Konzentrationslagern, aus ihrer Familie ist sie die einzige Überlebende. 1956 ist sie in die USA emigriert, wo (und in vielen europäischen Städten auch) sie ab 1970, neben dem Unterrichten, regelmäßige Solo- und Orchesterkonzerte gab. In das 500.000te Sondermodell der Klavierfabrikanten Steinway wurde auch ihr Name eingraviert. Neben mehreren amerikanischen Preisen wurde sie auch mit der Anerkennung der Liszt Gesellschaft ausgezeichnet.

Für die Übergabe des Manuskriptes bedanken wir uns bei Barbara Johnson, die von Ágnes Radó beauftragt wurde, das Albumblatt an das Liszt Museum zu liefern. In der Lieferung des Manuskriptes nach Budapest kam auch die ungarische Botschaft von Washington zu Hilfe, deren Mitarbeitern wir auch Dank sagen.